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Das Meisterwerk an der Oosterschelde

Das Meisterwerk an der Oosterschelde

Seit einem Vierteljahrhundert schützt ein Sturmflutwehr an der niederländischen Nordseeküste das Land und die Menschen vor der See – sicher und zuverlässig.

Das Bauwerk gilt bis heute als eine Meisterleistung, denn sowohl bei der Planung als auch beim Bau wurde mit fast jedem Schritt Neuland betreten. Ein wunderbares Beispiel für eine außergewöhnliche Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Kurz vor dem 25. Jahrestag am 4. Oktober 2011 kamen Vertreter der beteiligten Firmen und der zuständigen Behörde zusammen: Piet Maljaars, Koordinator Werkzeugbau der Rijkswaterstaat (Reichswasserbehörde), Erik-Jan Driessen von Klüber Lubrication sowie Ellis van den Hout von SKF Niederlande und Peter Schmehr von SKF Deutschland gaben spannende Einblicke in die Zusammenarbeit von damals, die gegenwärtige Funktionsweise des Sturmflutwehrs und Ausblicke für die Zukunft.

Ooosterschelde - Klüber Lubrication Interview

Würden Sie heute, 25 Jahre nach der Eröffnung, sagen, dass das Sturmflutwehr ein Rundum-Erfolg ist?

Piet Maljaars: Den Deltawerken ist an der Oosterschelde tatsächlich das gelungen, wofür sie nach der Katastrophe von 1953 angetreten waren. Es wurde nicht nur ein verlässlicher Schutz für die Bevölkerung geschaffen, die hier seitdem sicher leben und arbeiten kann. Sondern ein weiteres Ziel war es, Flora und Fauna zu schützen sowie das ökologische Gleichgewicht zu erhalten. Muscheln, Austern und viele andere Tiere und Pflanzen sind hier mehr denn je zu finden. Für die Niederlande ist das Sturmflutwehr lebenswichtig. Naturschutzgebiet und Bauwerk existieren heute in bester Symbiose.

Der Hauptunterschied zum Bau eines Damms, wie er ja ursprünglich geplant war, ist eben, dass die Oosterschelde durch das Wehr nicht in ein Binnengewässer verwandelt wurde, sondern die natürliche Abfolge der Gezeiten erhalten bleiben konnte. Das bedeutet: Muschel- und Austernzüchter überlebten.

Piet Maljaars: Genau - und sobald der Sturm kommt, können wir alles abriegeln. Steigt der Meeresspiegel um mehr als drei Meter über den Amsterdamer Pegel NAP, also über den mittleren Wasserstand der Nordsee, ist es soweit.

Ein Sturmflutwehr war im Gegensatz zu einem Damm technisch sehr viel aufwändiger in der Umsetzung. Können Sie kurz erklären, was das Wehr so besonders macht?

Piet Maljaars: Nun, das Sturmflutwehr war damals eine riesige Herausforderung für alle beteiligten Firmen. Schließlich besteht es aus 62 beweglichen Toren, mit Gewichten zwischen 250 und 400 Tonnen. Das ist enorm. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Hydraulik, die diese Wehrtore bewegt. Und an die Lager, ohne die sich die Tore nicht bewegen ließen. Nicht zuletzt musste auch der Schmierstoff in den Lagern extremen Bedingungen standhalten. All diese Faktoren mussten in der Planung und Umsetzung berücksichtigt werden. Gesicherte Erfahrungen aus früheren Projekten gab es nicht. Umso erfreulicher ist es, dass alles bis heute so reibungslos funktioniert.

Wie oft mussten denn die Wehrtore in den vergangenen 25 Jahren tatsächlich aus Sicherheitsgründen geschlossen werden?

Piet Maljaars: 26-mal mussten wir die Tore schließen. 24-mal wegen Sturmflut und zweimal, weil es so viel geregnet hatte. Durch das Schließen der Tore und das Abpumpen des Wassers aus den Poldern in die Oosterschelde kann der Wasserstand hinter dem Damm nämlich künstlich niedrig gehalten werden.

Was genau passiert im Notfall? Schließen sich die Schleusen automatisch?

Piet Maljaars: Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste ist die manuelle. Die bevorzugen wir, weil der Mensch am Ende nach Abwägung aller Aspekte doch die beste Entscheidung fällen kann. Und dann gibt es noch die vollautomatische Variante für den Fall, dass es unmöglich ist, die Kommandozentrale rechtzeitig zu erreichen. Innerhalb von nur anderthalb Stunden kann das gesamte Wehr geschlossen werden. Und zwar ganz ohne Strom aus dem Netz. So können wir auch im Notfall autark arbeiten. Und: Damit im Notfall alles reibungslos läuft, gibt es viermal im Jahr einen kompletten Probedurchlauf.

Die Möglichkeiten, um das Wetter präzise vorherzusagen, sind immer besser geworden. Hilft Ihnen das und wie fließen solche Daten in Ihr Warnsystem ein?

Piet Maljaars: Die Rijkswaterstaat hat hier ihre eigenen meteorologischen Dienste vor Ort. Die Fachleute sind natürlich kontinuierlich damit beschäftigt, die technischen Daten im Auge zu behalten und zu bewerten. In dem Moment, in dem sie die berechtigte Befürchtung haben, dass das Wasser bis auf 2,75 Meter über den Amsterdamer Pegel steigen wird, fangen sie an, ihre Berechnungen zu machen. Dann wird im Team eine Entscheidung gefällt: schließen ja oder nein? Das letzte Wort hat aber immer der Direktor der Reichswasserbehörde hier in Zeeland.

Ooosterschelde - Klüber Lubrication Interview

Inwieweit war der Beitrag der Unternehmen, die hier ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen konnten - wie Klüber Lubrication, der Schmierstoffproduzent, und SKF, der schwedische Wälzlagerhersteller -, von zentraler Bedeutung für das Gelingen des Projekts?

Piet Maljaars: Natürlich erfolgten die Planungen auf den verschiedensten Ebenen, bis hin zur politischen. Ich selbst bin noch nicht so lange dabei, dass ich davon aus persönlicher Anschauung berichten könnte, aber für mich ist es ein besonders gutes Zeichen, dass die professionelle Kooperation und das gute persönliche Verhältnis zwischen uns und den Firmen noch heute Bestand haben.

Ellis Jan van den Hout: Auch bei uns kommt eine solch intensive Kooperation nicht alle Tage vor. Wir werden hier vor Ort immer wieder in die Wartungsprozesse einbezogen. Rijkswaterstaat, SKF, Klüber Lubrication und viele andere arbeiten dabei Hand in Hand. Ein schönes Beispiel für gute europäische Zusammenarbeit. Für dieses besondere Projekt waren eben besondere Anstrengungen notwendig und darüber hinaus große Verpflichtungen vonseiten der Firmen gegenüber dem Auftraggeber gefordert. Ohne hohe Garantiezusagen hätten wir nicht ins Geschäft kommen können. Die Offenheit, mit der sich dabei alle begegneten, führte zu Synergien, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Man spürte die Begeisterung, mit der alle Beteiligten am Entstehen eines großen vollkommen neuartigen Werks beteiligt waren. Know-how aus Industrie, Behörden und allen möglichen Interessengruppen verschiedenster Richtungen kam hier zusammen.

Alle mussten also Neuland betreten und sich tatsächlich auf ein einzigartiges Vorhaben einlassen.

Piet Maljaars: Genau das war das Besondere, das Einzigartige.

Und was, würden Sie sagen, waren die größten Herausforderungen?

Piet Maljaars: Die Verdichtung des Meeresbodens, damit die Pfeiler fest verankert werden konnten, war das eine. Dann kamen die besonderen Umstände hinzu, wie beispielsweise der Wechsel der Gezeiten. Außerdem machte das Volumen des Projekts Anlieferungen von Betonmengen gigantischen Ausmaßes erforderlich. Die besten Stahllager für die Tore wurden gebraucht und Spezialschmierstoffe, die sowohl die Schmierung zuverlässig und langfristig erfüllten als auch garantiert der Korrosion durch das Meerwasser trotzen konnten. Und dann kam natürlich die Genauigkeit hinzu, mit der das alles ausgeführt werden musste. Die Tore mussten auf ganz feine Toleranzen ausgerichtet werden. Nur alle kleinsten Einzelteile zusammen machten am Ende das überzeugende große Ganze aus. Und das Beste: 25 Jahre nach dem Bau funktioniert alles noch immer mit derselben Präzision wie am ersten Tag.

Ein Element hat besonderes Gewicht: Der Schmierstoff, der für die Lagerung der Tore verwendet wird, musste bis heute nicht ausgetauscht werden. Die Anforderungen daran waren - wie gesagt - sehr hoch und es stellte eine große Herausforderung dar, die perfekte Lösung zu finden.

Ellis Jan van den Hout: Die Schmierkapazität des Fetts, aber auch seine Wasserbeständigkeit waren bei diesem Projekt ausschlaggebend. Die Lager müssen optimal geschützt werden und gleichzeitig muss der Korrosionsschutz gewährleistet sein. Denn Salzwasser ist besonders angriffslustig. Wenn etwas hochaggressiv gegen die Schmierung wirkt, dann ist es Salzwasser. Die optimale Vorsorge ist also das A und O.

Erik-Jan Driessen: Der Korrosionsschutz war entscheidend. Ich weiß noch aus der Vergangenheit - ich bin jetzt seit über zwanzig Jahren bei Klüber Lubrication -, dass wir immer großen Wert darauf gelegt haben, beide Funktionen zu erfüllen: Abdichten und Schmieren. Denn Lager an sich lassen sich naturgemäß nie hundertprozentig nach außen abschotten, wenn sie funktionieren sollen. Schließlich muss auch die Bewegung gewährleistet sein. Daher muss der Schmierstoff auch eine Dichtfunktion übernehmen.

Wie sind Sie bei der Auswahl des Fetts vorgegangen und wie kam es zur Entscheidung für den deutschen Anbieter?

Peter Schmehr: Es waren damals umfangreiche und langwierige Untersuchungen an den zu verwendenden Bauteilen nötig. Es mussten konkrete Erkenntnisse über den Kontakt des Fetts mit den anderen Komponenten gewonnen werden. Also, wie harmonieren Gleitwerkstoff und Stahl, genauso wie die Dichtung, die das Lager dann nachher einschloss?

Alle Komponenten mussten ja mit dem Fett verträglich sein. Am Schluss blieben vier Fette übrig, die wir näher unter die Lupe nahmen. Das Produkt von Klüber Lubrication erreichte das beste Ergebnis. Daraufhin haben wir den Hersteller als Partner vorgeschlagen. In weiteren Tests bei SKF und auch bei Klüber Lubrication haben wir dann noch einmal den besten Schmierstofftyp bestätigt.

Erik-Jan Driessen: Die Balance zwischen den Funktionen Schützen und Schmieren zu halten war das Schwierigste, aber es gelang: Die Schutzfunktion musste über viele, viele Jahre bestehen bleiben und die Schmierfunktion sollte punktgenau abrufbar sein.

Zudem: Es war schon immer unser erklärtes Ziel, die exakt passende Lösung für den Kunden zu finden. In diesem Fall war eine der großen Herausforderungen, zehn Jahre Haltbarkeit zu garantieren. Hätte man davon ausgehen müssen, den Schmierstoff nach fünf Jahren auszutauschen, dann hätten die Kosten deutlich höher gelegen, als der Mehrpreis für unseren Schmierstoff ausgemacht hätte. Allein der Vorgang des Austauschens ist sehr aufwändig - die Kosten für das Fett noch gar nicht mitgerechnet.

Der Spezialschmierstoff von Klüber Lubrication ist also nicht wie ein typisches C-Teil, sondern als konstruktive Komponente zu sehen?

Erik-Jan Driessen: Ja. Es kommt selbst bei einer Schmierstoffmenge von 14 000 Kilogramm nicht auf die einmaligen Anschaffungskosten an, sondern auf den Mehrwert für den Betreiber über die gesamte Betriebsdauer. Schließlich kann man nicht einfach das alte Fett heraus- und das neue hineinpumpen. Alles müsste total auseinandergenommen werden. Die Kosten würden wahrscheinlich immens sein. Aber im Moment gibt es keine Anzeichen dafür, dass ein Austausch nötig sein könnte, weshalb sich die Entscheidung für Klüber Lubrication im Sinne einer langfristigen Investitionssicherung als richtig erwiesen hat!

In regelmäßigen Abständen werden am Oosterschelde-Sturmflutwehr Proben des Schmierstoffs genommen. Wie läuft das ab?

Erik-Jan Driessen: Jedes Jahr werden bei den kardanischen Aufhängungen das Spiel und alle fünf Jahre die Fettmenge kontrolliert. Außerdem werden Proben aus den Lagern entnommen und im Labor analysiert. Dies erfolgte bislang dreimal - ohne Beanstandung.

Der Schmierstoff ist einfach zu gut.

Erik-Jan Driessen: Beim Oosterschelde-Sturmflutwehr ist alles hervorragend gelaufen. Durch die ausgereifte Technik der einzelnen Komponenten allein ist das nicht zu erklären. Ich kann nur noch mal unterstreichen: Hier passte alles wunderbar zusammen und wurde auch perfekt aufeinander abgestimmt.

Ist der Schmierstoff in der Zwischenzeit weiterentwickelt worden? Oder gibt es das Produkt immer noch genauso wie vor 25 Jahren?

Erik-Jan Driessen: Sowohl als auch. Das Produkt, das damals verwendet wurde, gibt es immer noch am Markt. Aber selbstverständlich gibt es seitdem viele neue Produktentwicklungen. Die ständig steigenden Anforderungen aus den verschiedenen Industrien machen Spezialschmierstoffe mit hoher funktionaler und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit nötig. Daher schreiben wir bei Klüber Lubrication Innovation ganz groß.

Das Projekt Oosterschelde wurde für die beteiligten Firmen zur Imagesache. Ist das bis heute so geblieben? Sagen die Beteiligten immer noch gern: Wir waren dabei?

Piet Maljaars: Ja, das Oosterschelde-Sturmflutwehr ist eine besonders gute Referenz. Die zahlreichen Firmenbroschüren mit Fotos der Deltawerke zeigen das.

Erik-Jan Driessen: Für Klüber Lubrication kann ich sagen: Wir sind stolz darauf, dass wir beteiligt waren. Eine Leistung und ein Ergebnis, die sich vorzeigen lassen.

Peter Schmehr: Auch für SKF war und ist es ein tolles Prestigeprojekt.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Am 4. Oktober 2011 feierte das Sturmflutwehr 25-jähriges Jubiläum - war das für Sie ein besonderer Tag?

Piet Maljaars: Das Oosterschelde-Sturmflutwehr war vor 25 Jahren ein Vorreiter. Das macht es natürlich bis heute besonders. Deshalb kam hier am Jahrestag das internationale Netzwerk für Wasserschutzwehre im Rahmen eines Seminars zusammen. Davon abgesehen war der 4. Oktober für uns aber ein Arbeitstag wie jeder andere.

Weiter Informationen unter: Symbiose von Technik und Natur - Das niederländische Oosterschelde-Sturmflutwehr wird 25