Vor 20 Jahren durfte ich einen Tag pro Woche aus dem Homeoffice arbeiten – das war damals revolutionär!

Der Schweiz fehlen rund 50‘000 Ingenieurinnen und Ingenieure. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) im Jahr 2017. Besonders Frauen entscheiden sich hierzulande selten für eine Karriere in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Obwohl das Thema während vieler Jahre von Medien und Politik behandelt wurde, ist der Frauenmangel auffällig. Deshalb gibt es die Schweizer Vereinigung der Ingenieurinnen (SVIN). Sie setzt sich dafür ein, dass der Berufstand an Attraktivität gewinnt. Und auch Klüber Lubrication Schweiz ist die Thematik bekannt, denn Funktionen mit Technik-Bezug sind nur schwer mit Frauen zu besetzen. Stefano Bortoletto und Barbara Schröter von Klüber Lubrication Schweiz haben sich mit Christina Seyler und Ira Nagel zum Gesprächsaustausch getroffen.

Der Schweiz fehlen rund 50‘000 Ingenieurinnen und Ingenieure. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) im Jahr 2017. Besonders Frauen entscheiden sich hierzulande selten für eine Karriere in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).

Obwohl das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer wieder in Medien und Politik diskutiert wird, hat sich die Situation nicht entschärft, sagt Christina Seyler von der Vereinigung der Ingenieurinnen (SVIN). Die Interessensgruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Attraktivität des Ingenieurberufs sowie die Arbeits- und Rahmenbedingungen für Frauen zu verbessern sowie mehr Frauen für den Ingenieursberuf zu begeistern. Seyler hat Ende 2020 einen umfassenden Bericht zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in MINT-Berufen herausgegeben.

Klüber Lubrication Schweiz ist die Problematik von Unternehmensseite her bekannt. General Manager Stefano Bortoletto hat Mühe, technisch ausgerichtete Stellenprofile in seinem Team mit Frauen zu besetzen. Mit Ausnahme von Barbara Schröter, technische Beraterin im Aussendienst, sind alle von Männern besetzt. Bortoletto hat sich deshalb dazu entschlossen, an der Wurzel anzusetzen und einen Beitrag zur Nachwuchsförderung zu leisten. So unterstützt Klüber Lubrication Schweiz die SVIN mit einem jährlichen Beitrag. Dieses Jahr floss der Betrag direkt zu KIDSinfo, einer Initiative der SVIN. Mit den eingenommenen Geldern besucht das Komitee 4. – 6.   Klässler und bringt den Jüngsten (geschlechterunabhängig) dort Berufe mit technischem Fokus näher. Wichtig dabei sei, dass Frauen den Kindern die Inhalte vermitteln, betont Ira Nagel, Koordinatorin von KIDSinfo. Eine der Hauptursachen seien fehlende Vorbilder und damit manifestiere sich das Cliché des männlichen Roboteringenieurs bereits früh in den Kindesköpfen.

Stefano Bortoletto und Barbara Schröter von Klüber Lubrication Schweiz haben sich mit Christina Seyler und Ira Nagel getroffen um sich darüber auszutauschen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in MINT-Berufen verbessert werden kann und was sinnvolle und insbesondere für KMU umsetzbare Massnahmen sind.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich viel getan in der Arbeitswelt. Barbara Schröter, was war damals für dich wichtig, als du 2004 Mutter wurdest?

Barbara Schröter: Ich war damals in einer Führungsposition als Regional Sales Manager im technischen Bereich. Bereits vor der Geburt beschlossen mein Mann und ich aus verschiedenen Gründen, dass ich weiter berufstätig sein und die Familie finanzieren werde und er sich um den Nachwuchs kümmert. Einer dieser Gründe war, dass ich mich verpflichten musste, weiterhin 100% zu arbeiten, um diese Führungsposition zu behalten. Als Entgegenkommen hat mir mein Arbeitgeber damals einen Homeoffice-Tag angeboten, das war vor fast 20 Jahren eine Seltenheit. Für mich war es auch psychologisch sehr wichtig, einen Tag von Zuhause aus zu arbeiten und da auch ein paar kostbare Momente zu geniessen. Auch das Betreuungsangebot war damals, gerade in einer eher ländlichen Gegend noch sehr überschaubar. Irgendwann wollte mein Mann wieder zurück in den Beruf und da wir keine Familie im Ort hatten, hielten wir uns mit Tagesmüttern und Kitas im Nachbarort über Wasser, bis auch in unserem Dorf eine Betreuung möglich wurde.

Wie haben sich die Bedürfnisse über die Jahre hinweg denn verändert?

Christina Seyler:
Vor ca. 30 Jahren mussten sich die meisten MINT-Frauen noch zwischen Beruf und Familie entscheiden. Wer sich für den Beruf entschied, blieb in der Regel kinderlos. In den Neunzigern und Nullerjahren kamen dann die Kinderkrippen auf und damit die Idee, dass Vereinbarkeit möglich und sogar erwünscht ist. Auch der Gedanke, dass Männer sich vermehrt in ihrer Familie engagieren sollen, entstand in dieser Zeit. Leider funktionierte das Ganze in der Praxis noch nicht wirklich; die Männer erhielten keine Teilzeitstelle und die Frau wurde weiterhin als Hauptbezugsperson der Kinder angesehen. Frauen und Männer wurden damit in komplett unterschiedliche Rollen gezwängt und das unabhängig davon, dass sie als Ingenieurin und Ingenieur exakt die gleiche Ausbildung hatten. Auch lohnte es sich oft finanziell nicht: aufgrund der hohen Kinderbetreuungskosten machten doppelverdienende Paare manchmal sogar rückwärts.

Heute sind wir definitiv weiter. Die Kinderbetreuung ist zumindest in den Städten vorhanden und gesellschaftlich verbreitet sich immer mehr der Gedanke, dass die Aufgaben in der Familie geteilt gehören. Es verbessern sich auch viele Rahmenbedingungen, so ist zum Beispiel Teilzeit für immer mehr Männer möglich. Dennoch sind wir weit von einer gleichberechtigten Situation entfernt. Viele MINT-Frauen berichten, dass sie sich mit ihrem Partner zwar die häuslichen Aufgaben aufteilen, dass der Lead aber immer noch bei ihnen ist. So sagte einmal eine Ingenieurin sehr treffend: „ich bin bei uns in der Familie der Familienmanager, während mein Mann der Familiensachbearbeiter ist“.  Andere Frauen beklagen sich darüber, dass sie bei einem Arbeitspensum von 80% als „Rabenmutter“ angesehen werden, während der Partner beim exakt gleichen Pensum ein „superengagierter Vater“ ist.

Was ist Ihnen heute wichtig? Stellen Sie Unterschiede zu Barbara Schröter fest?

Ira Nagel: Gewisse Themen die früher aktuell waren, sind es auch heute noch. Es gibt zwar Kitas, aber es ist wahnsinnig schwierig einen Platz zu bekommen, zumindest hier in der Nähe von Lausanne. Einzig in privaten und die sind dann nochmals um einiges teurer als die staatlich subventionierten. Ich hatte mit meinem Arbeitgeber verhandelt, dass ich sieben Monate unbezahlt zuhause blieb und danach wieder bei 80% einstieg. Das war für mich die Voraussetzung gewesen, ansonsten hätte ich wahrscheinlich gekündigt. Man sollte auch den Mutterschutz aufstocken, damit man im ersten Jahr nach der Geburt nicht um seinen Job bangen muss.

Bei uns im Unternehmen dürfen Mütter das Pensum reduzieren – Männer nicht. Mein Mann war nach der Niederkunft weiterhin Vollzeit tätig, arbeitete jedoch aufgrund von Corona vollständig aus dem Home Office, das hat allen geholfen. In seinem momentanen Job kann er nicht reduzieren und in meiner Position als Mikroelektronikingenieurin kann ich nicht unter 80% gehen. Flexibilität bei den Arbeitszeiten wäre schön und die Möglichkeit die Ferien selber wählen können. Wir möchten einen guten Job machen, aber die Rahmenbedingungen müssen halt ein wenig flexibler sein.

Was wird bei KLS / Freudenberg derzeit unternommen im Bereich flexibles Arbeiten und Diversity?

Stefano Bortoletto: Die Arbeitswelt hat sich verändert. Wir reden heute von agilen Entwicklungsteams und Methoden. Davon, dass Fehler passieren dürfen oder gar sollen und dass Entwicklungen und Neuerungen nicht in orchestrierten Meetings, sondern in anderen Formaten entstehen. Diese disruptiven Trends werden Manager und technische Teams fordern. Alles wird an Tempo gewinnen. Das Homeoffice war ein riesen Taktgeber. Bei uns gibt es bald unternehmensweit ein Hybrid-Work-Pilotprojekt, wo allen, bei denen es möglich ist eine bestimmte Anzahl Homeoffice-Tage zustehen. Einige Mitarbeitende haben bereits individuelle Arbeitsmodelle, unabhängig ihres Geschlechts.

Barbara Schröter: Bei Klüber Lubrication gibt es seit 2018 eine Initiative im Bereich Diversity & Inclusion, bei dem ich im KLEU Zentral Team dabei bin. Da gibt es verschiedene Themenbereiche, die von unserer Konzernmutter Freudenberg angestossen wurden um Diversität auf unterschiedlichen Ebenen zu fördern und gleichzeitig als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Ein erster Schritt ist es, sich der unterschwelligen Vorurteile (unconscious bias) bewusst zu werden. In diesem Bereich werden unterschiedliche Themen beispielsweise im Work Environment angegangen. Ein wichtiges Thema sind flexiblere Arbeitsmodelle (mobile working), die u.a. von der jüngeren Generation heute gefordert werden. Mittels einer internen Analyse konnten wir feststellen, dass unsere Stellenausschreibungen durch Begriffe wie zielstrebig und erfolgsorientiert sehr männlich geprägt sind. Wir haben daraufhin beim Wording gewisse Anpassungen gemacht, die bereits erste Resultate zeigen.

Bei Freudenberg / Klüber Lubrication wird schon einiges unternommen, um flexible Arbeitsbedingungen zu schaffen und damit auch Frauen eher anzusprechen. Sehen Sie diesbezüglich weitere Optimierungsfelder, Frau Seyler?

Christina Seyler: Ganz wichtig wäre es, die Familienfrage endlich geschlechterneutral anzugehen. Solange dieses Thema immer nur mit den Müttern assoziiert wird, haben die Frauen einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Männern. Konkret könnten zum Beispiel Unternehmen darauf verzichten, den Mutterschaftsurlaub freiwillig aufzustocken und stattdessen diese Wochen dem Vaterschaftsurlaub zuteilen. Auch sollte in den Unternehmen die Familienphase aktiv mitgedacht werden, wie etwa die Pensionierung. Statt als etwas Defizitäres sollte die Familienphase als etwas Unvermeidliches aber Managebares betrachtet werden. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass 70-80% der Mitarbeitenden einmal eine Familie gründen werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es?

Ira Nagel: Teilzeit sollte für alle möglich sein kann, eben gerade auch für Männer.

Stefano Bortoletto: Dass man im Kleinen Schritte unternehmen kann, die nicht unbedingt vom Staat oder Unternehmen vorgegeben sind. Ich möchte die Möglichkeit haben, individuelle Abmachungen zu vereinbaren.

Barbara Schröter: Ich wünsche mir ein gesellschaftliches Umdenken: Frauen in guten Positionen sollen nicht gegen das Cliché Quotenfrau ankämpfen müssen und es soll endlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass Eltern die Aufgabenverteilung selbstbestimmt entscheiden können.  

Christina Seyler: Ich schliesse mich Frau Schröter an und wünsche mir deshalb Lohngleichheit, Individualbesteuerung sowie ein besseres Finanzierungsmodell für die externe Kinderbetreuung, so dass sich die Erwerbsarbeit bei doppelverdienenden Paaren auch bei mittleren und hohen Einkommen lohnt.

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